The former Journalist F.


Patient F. muss büßen
07/06/2009, 13:37
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Oh weh, was hat Patient F. nur getan! Dass er durch einen mehr als zweijährigen Nervenkrieg Künstler Irgendlink eine Anstellung beim Kulturamt der Stadt S. verschafft hat, ist schlimmer, als man es sich in seinen kühnsten Träumen vorstellen kann. In unendlicher Naivität hatte Patient F. nämlich angenommen, mit einem einigermaßen interessanten, abwechslungsreichen Job im öffentlichen Dienst einer Gemeindeverwaltung dem fleißigen Künstler aus dem Nachbarstädtchen Z. etwas Gutes zu tun. Doch wieder einmal beweist sich zu einen, dass die durch und durch bürgerliche Einstellung des Patienten, Journalisten und Kulturorganisators F. eigentlich einen Leuchtturm der Spießigkeit darstellt. Und zum anderen, dass Arbeit durchaus gleichbedeutend mit Mobbing sein kann. Da helfen auch keine 30 Urlaubstage, krisensichere Gehaltszahlungen, relativ gute Aufstiegsmöglichkeiten und alle anderen Wohltaten, die eine solche geregelte Anstellung beim Amt mit sich bringt. Künstler denken anders und weiter. Sie wollen in Freiheit die Welt erforschen und nicht ihre Zeit in stickigen Amtsstuben verbringen. Patient F. hätte es ahnen müssen!

Daher bleibt nur noch eins: Asche auf das Haupt von Patient F. Aber dazu ist es schon zu spät. Denn das Schicksal rächt sicher gerade bitterlich für die Untat. Nachdem die Herzkathederuntersuchung von letzter Woche nämlich ebenso glimpflich wie ohne Befund von statten ging, konnten die kreativen Ärzte ihre Enttäuschung kaum verbergen. Doch der Schock hielt nicht lange an und während Patient sich noch auf seine Entlassung freute, wurde er bereits mit dem Ergebnis lustiger Überlegungen konfrontiert. Denn der putzige Doktor M., neu auf der Station und gleichzeitig aufstrebender Kardiologe mit zahlreichen Auszeichnungen, wollte Patient F. gleich noch ein paar Tage länger behalten. Denn neue Untersuchungsmethoden könne man jetzt gleich ausprobieren, meinte er mit strahlendem Lächeln. Das Einzelzimmer ohne tobende Opas hätte Patient F. gleich verdächtig vorkommen sollen.

Zum Glück konnte sich Patient F. wehren und doch noch die Flucht ergreifen. Aber der Triumph ist höchst unvollständig. Denn in zwei Wochen geht es wieder zu einem mehrtägigen Aufenthalt in der Universiätskklinik der Kreisstadt H. Dort wird man dann statt mit einem Katheder mit derenr vier in das Herz des leidenden Patienten vordringen und mittels einem ausgeklügelten Elektriktrick solche Regionen im fleißigen Blutpumpenmuskel suchen, die ebenso perfide wie falsche Signale senden und somit den Rhythmus des Herzens aus dem gewohnten Takt bringen. Hat man diese Stellen gefunden, werden sie mittels elektrischem Strom radikal entfernt. Eine nicht gerade beruhigende Vorstellung. Nebenbei bemerkt muss zuvor noch ein Schlauch in den Magen von Patient F. eingeführt werden, mit dem man dann rätselhafterweise untersuchen kann, ob sich schon hinterlistige Blutgerinsel im Körper versteckt halten. Wie auch immer das funktioniert, die lieben Ärzte werden es schon wissen. Hofft Patient F. zumindest. Und er hofft auf die Gnade der Krankenschwestern, die ihm hoffentlich wieder so ein schönes Einzelzimmer zukommen lassen werden. Doch dank der Sünde an Künstler Irgendlink ahnt Patient F. schon, dass dies nicht der Fall sein wird, damit der größtmögliche Qualfaktor erreicht werden kann.

Bis dahin sind noch ein paar Tage Zeit. Und Patient F. geht es gerade erstaunlich gut. So gut, dass er natürlich gleich mal wieder über die Stränge schlagen muss. Beispielsweise, indem er viel Zeit auf dem Kulturamt verbringt, um Künstler Irgendlink eine Einführung in das Metier der Kulturorganisation zu geben und gleichzeitig den Versuch zu unternehmen, den kreativen Künstler und Kleinmöbelbauer wenigstens etwas zu trösten. Das hatte auch zur Folge, dass zwei Jurysitzungen zum Kleinkunstwettbewerb jeweils erst nach Mitternacht beendet werden konnten, so dass Patient F. zwei 13-Stunden-Tage hinter sich brachte. Die Folgen sind zu spüren. Denn die Regenerationsfähigkeit ist durch die Krankheit deutlich herabgemindert.

Das zu erkennen, fällt schwer, aber Patient F. kann es immer besser. Daher hat er an diesem Sonntag alle Aktivitäten gestoppt und verbringt einen erholsamen Tag in der heimeligen Wohnung. Nur zu Wahl muss er gleich noch gehen, denn das ist erste Bürgerpflicht. Wahrscheinlich wird er die „Partei gesundheitsbewusster Krankenschwestern“ oder die der „Ärzte für Sadismus“ wählen…



Patient F. bereut seine Sünden an Künstler Irgendlink
25/05/2009, 22:09
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Krankheit ist eine spannende Sache. Doch sicherlich nicht der Mittelpunkt des Lebens. Obwohl man sie sehr leicht dazu machen kann. Wie auch immer, Patient F. erlebt die Höhen und Tiefen, wobei er sich im Moment eher in einem Hoch befindet. Und daher auch in der Lage ist, auch andere Dinge zu tun, als sich an der Dialyse auszuruhen.

Da gibt es beispielsweise noch das Amt im Städtchen S., die eigentliche Arbeitsstelle des fleißigen Kulturorganisators. Dort vermisst man Patient F. natürlich ziemlich heftig und weiß auch, dass er zwar wieder kommen will, aber nur für die Hälfte der früheren Arbeitszeit. Daher war die Sorge groß, ob man in 25 Stunden das schaffen kann, wofür man früher 40 Stunden angesetzt hat, pro Woche versteht sich. Lange hat man gerechnet und kalkuliert, Patient F. in Hypnose versetzt, um zu erfahren, ob er nur simuliert und sich vor der Arbeit drücken will. Das Ergebnis war niederschmetternd. Die Krankheit ist echt und die Leistungsfähigkeit des früher so gesunden Mitarbeiters geschwunden. Was also tun?

Ausnahmsweise hat man einmal auf den Rat von Patient F. gehört, der sonst sich den Mund fusselig reden kann, ohne dass es die Kollegen ernst nehmen. Chef R. schwärmte zwar von einer gut aussehenden Touristikfachkraft, jung, willig und fast kostenlos, da mit Hartz IV gesegnet. „Nein!“ sagte Patient F. „So nicht!“. Derartige Ausbrüche sind überaus wirkungsvoll und so hat man kurz entschlossen Künstler Irgendlink aus der beschaulichen Ruhe des einsamen Gehöfts hoch über dem Nachbarstädtchen Z., nahe der Universitätsstadt H., gerissen und ihn flugs beim Amt im Städtchen S. angestellt. Dort beweint er jetzt sein trauriges Schicksal und trauert dem Traum vom Pilgern auf dem Jakobsweg nach. Doch dazu bleibt keine Zeit. Denn auf dem Amt ist immer was los und so ist der Tag von qualvoller Fron geprägt.

Doch keine Untat bleibt ungesühnt. Für den gemeinen Streich, den Patient F. dem armen Künstler gespielt hat, muss er morgen büßen. Denn dann ist eine neue Untersuchung angesagt. Dieses Mal wird man einen Katheder durch den ganzen Körper schieben, bis er auf Umwegen ins schlagende Herz gelangt. Dann füllt man den ganzen Patienten mit radioaktiver Flüssigkeit und beobachtet, was passiert. Zur Belustigung von Ärzten und Krankenschwestern hat man zudem beschlossen, Patient F. über Nacht in der Klinik zu behalten. Was ihn dort erwartet, wird bald in diesem Blog zu lesen sein.



Patient F. spürt die Nebenwirkungen
10/05/2009, 23:55
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 Manchmal ist es weniger die Krankheit, die einen Menschen dem Grab näher bringt, als vielmehr die Behandlung der Ärzte und Krankenschwestern. Eine uralte Erkenntnis der Menschheit, der sich leider auch Patient F. nicht entziehen kann.

Eigentlich könnte man glauben, dass alleine schon das regelmäßige Anschließen an die Blutreinigungsmaschine ausreichen würde, um einen intensiven Behandlungserfolg zu garantieren. Weit gefehlt. Vielmehr müssen Stoffe, die bei der Dialyse aus dem Körper entfernt werden, teilweise auf andere Art zugefügt werden. Zudem stellen sich mehr oder weniger zwangsläufig weitere Wehwehchen ein, die in direktem oder indirektem Zusammenhang mit der fehlenden Nierenfunktion stehen. Patient F. als Freund komplexer Rituale freut es daher um so mehr, dass er sich allmorgendlich der Prozedur der Medikamenteneinnahme hingeben darf. Manches gibt es in praktischer Tablettenform, andere Dinge müssen mittels spitzer Nadeln gewaltsam in den Körper eingeführt werden. Kurz, langweilig wird das nie.

 Zumal die Ärzte recht experimentierfreudig sind, was ihren pharmazeutischen Chemiebaukasten betrifft. „Was Patient F. nicht tötet, macht ihn nur härter!“ lautet die allgemeine Devise. So beschloss man in einer geheimen Konferenz vor zwei Wochen, dem leidenden Journalisten zwei weitere Tabletten zu verabreichen, die er zusammen mit der doppelten Dosis eines anderen Wundermittels einnehmen sollte. Ziel der Aktion: die Wassereinlagerungen im Gewebe sollten verhindert werden. Bereits vor einiger Zeit war ein solcher Versuch schmählich gescheitert, da Patient F. von dem merkwürdigen Mittel rote Punkte am ganzen Körper bekam, die zudem noch unangenehmen Juckreiz hervorriefen. Jetzt ermittelte man – vermutlich mittels Tarotkarten oder einer Kristallkugel – eine neue Substanz und präsentierte die Verordnung stolz Patient F.

Der, ganz braver Patient, hielt sich natürlich daran und dachte an nichts Böses. Allerdings stellten sich plötzlich merkwürdige Symptome ein. Mehr Wasser denn je sammelte sich im Gewebe an, Muskelschwäche befiel den ansonsten immer noch recht fitten Zeitungsschreiber, die sich bis hin zu schmerzhaften Gefühlen in den Gliedmaßen entwickelten, was das Zurücklegen einer Strecke von mehr als 200 Metern Länge eigentlich unmöglich machte. Zudem kam ein Elendsgefühl, wie noch nie zuvor erlebt.

Natürlich machte sich Patient F. Sorgen und wollte die auch mit den zuständigen Ärzten teilen. Doch diese sind seit Tagen von der Bildfläche verschwunden, so dass als Ansprechpartner nur fleißige Krankenschwestern in Frage kamen. Die jedoch haben andere Aufgaben. Beispielsweise Patient F. mit großer Freude durch riesige Nadeln zu traktieren oder durch Vorträge, dass sie für dies und das schon mal gar nicht zuständig sind. Man solle mit dem Arzt reden, so der lapidare Kommentar, während man sich in die Kaffeepause verabschiedet.

Zunächst noch glaubend, dass die oben geschilderten Symptome die unvermeidliche Folge der Dialysebehandlung sind, wurde Patient F. dann doch misstrauisch. Nachdem am sonnigen Sonntag ein Zustand erreicht wurde, der so nicht hinnehmbar war – vermutlich verstärkt durch die Laientanzgruppe am Vorabend und der Jodelvortrag im Rosengarten des Städtchens Z. wenige Stunden zuvor – beschloss der aufgeklärte Zeitungsschreiber, zur Selbsthilfe zu greifen und im Internet die Nebenwirkungen des neuen Wundermittels zu investigieren.

Nun ist das Lesen der Packungsbeilagen eines Medikamentes eine Kunst für sich. Würde man alles ernst nehmen, was dort steht, müsste man selbst die einfachsten Aspirintabletten direkt dem Sondermüll statt dem gebeutelten Magen zuführen. Das Geheimnis, wie ernst man die Warnungen nehmen sollte, liegt in den Worten „sehr selten“, „selten“, „häufig“ oder sogar „sehr häufig“. Und siehe da, alle merkwürdigen Merkmale des Unwohlseins von Patient F. tauchten unter der Überschrift „sehr häufig“ auf (was übersetzt eigentlich „unvermeidbar“ heißt). Patient F. wird daher die größte Sünde überhaupt begehen und seine Medikation vorerst ohne Rücksprache mit dem Arzt ändern. Vom wahrscheinlichen Erfolg soll später berichtet werden.



Patient F. liest die Ratgeber
01/05/2009, 14:40
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 Journalist F., jetzt Patient F., ist bekanntlich ein überaus neugieriger Mensch. Daher ist es kaum verwunderlich, dass er sich im Laufe der Zeit intensiv über seine Krankheit und die damit verbundenen Behandlungsmöglichkeiten informiert hat. Natürlich im Internet, aber mittlerweile zieren auch eine ganze Reihe gedruckter Ratgeber das Bücherregal des fleißigen Zeitungsschreibers.

Diese lassen sich in zwei Kategorien einteilen. „Dialyse für Dummies“, für den Patienten also und „Dialyse für Fachkräfte“. Eigentlich sollte man glauben, dass sich die Inhalte dort wie ein Ei dem anderen gleichen. Weit gefehlt. Wirklich interessant sind nämlich nur die Fachbücher, weil man dort Dinge erfährt, die einem Patienten eigentlich verborgen bleiben sollen.

Mit den Ratschlägen ähneln die Dialyseinfos für Patienten allen anderen Gesundheitsratgebern, ganz gleich, welche Krankheit sie beschreiben. Grundlage einer Gesundung ist dabei stets der folgende Kanon:

1. Verlieren Sie Gewicht. 2. Ernähren Sie sich Gesund mit viel Gemüse, wenig Fleisch, Fett und Zucker. 3. Hören Sie auf zu rauchen. Nikotin schadet Ihrer Gesundheit. 4. Gehen Sie früh zu Bett und stehen Sie mit den Hühnern auf. 5. Treiben Sie viel Sport, ganz egal, wie krank Sie sich fühlen. 6. Alkohohl nur in Maßen. Das Versprechen für die Befolgung dieser Regeln: Sie werden gesund und mindestens 100 Jahre alt. So weit so gut.

Warum allerdings liest man plötzlich in den Fachbüchern ganz andere Dinge? Beispielsweise, dass es Dialysepatienten rein körperlich schon schwer fällt, den Alltag zu bewältigen? Dass Ihre Ausdauer reduziert ist und vor Sport dringend gewarnt wird, besonders, wenn noch so genannte Herzrhythmusstörungen hinzu kommen, die sich mit der Dialyse fast zwangsläufig einstellen? Dass man Dialysepatienten nach Beendigung der Blutwäsche Gelegenheit zu einer Zigarettenpause geben soll? Oder dass bei vielen Betroffenen die Gefahr der Unterernährung besteht, das sie sich bei den vielen Ernährungsregeln, die es zu befolgen gilt, überfordert fühlen und daher möglichst gar nichts mehr essen? Erstaunliche Widersprüche. Noch spannender hingegen ist die Schilderung der Fehler, welche das Pflegepersonal während der Dialyse machen kann und deren fatale Folgen. Oder die Langzeitwirkungen auf den Körper, inklusive der seelischen Probleme, die eine solche Erkrankung mit sich bringt.

Wie auch immer, Patient F. lässt sich nicht unterkriegen und las sogar ein geheimes Buch, das jeden Horrorroman in den Schatten stellt: Erfarhungsberichte aus den Anfangsjahren der Blutwäsche. Nein, nicht 100 Jahre ist das her, sondern es handelt sich um die glorreiche Ära der 60er-, 70er- und 80er-Jahre als der Anschluss an die damals Furcht erregenden Maschinen ein echtes Abenteuer war, oft mehr Experiment als seriöse Behandlungsmethode. Als die Lebenserwartung von Dialysepatienten maximal drei Jahre betrug und mit so vielen Nebenwirkungen verbunden war, dass von Lebensqualität nicht mehr die Rede sein konnte. Daher ist Patient F. sehr zufrieden, dass es heute viel besser aussieht und erträgt daher die kleinen Unbilden der Behandlung mit Geduld und Gelassenheit.



Patient F. in den Mühlen der Bürokratie
01/05/2009, 13:36
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Mit Krankheiten ist das so eine Sache. Jeder bedauert einen anderen Menschen, von dessen Unglück man hört. Allerdings glaubt man dabei stets, einen selbst würde es niemals treffen. Dabei sind die Krankheiten vielfältig, die einem überfallen können. Vom Schnupfen bis zur terminalen Niereninsuffizienz und deren Begleiterscheinungen, die alle mit dem Wort „renal“ beginnen. Journalist F. kennt sich damit mittlerweile aus, denn sein Bücherregal zieren zahlreiche Bücher, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Doch davon später mehr.

 Einheitlich für alle schwer kranken Menschen in unserer Republik sind allerdings die sozialen Probleme, die unweigerlich auftauchen. Natürlich leben wir in einem Sozialstaat und eigentlich ist so ziemlich jede Eventualität irgendwie abgesichert. Die Betonung liegt auf dem „irgendwie“. Wohl dem, der ängstlich entsprechende Zusatzversicherungen abgeschlossen hat, frühzeitig. Er gehört vielleicht zu der absoluten Minderheit, die von der Versicherungsprämie auch profitieren. Denn Versicherungen sind stets bestrebt, keinen Schadensersatz auszuzahlen und suchen mit Akribie Mittel und Wege, das zu verhindern. Zunächst soll einmal erwähnt werden, dass eine so genannte terminale Niereninsuffizienz mit Dialysepflichtigkeit wahrlich kein Pappenstiel ist. Zwar rettet die komplexe Maschine das Leben der Patienten, hat allerdings auch eine ganze Reihe Nebenwirkungen, wie schon erwähnt. Eine davon ist, dass die Leistungsfähigkeit extrem herabgesetzt ist. Daher wird es Kulturorganisator F. in Zukunft nicht mehr möglich sein, seinen harten Achtstundenjob mit zugesetzten 200 Überstunden jährlich in gewohnter Manier durchzuführen. Doch was ist überhaupt noch möglich? Eine Frührente kommt keinesfalls in Frage. Nicht, weil Patient F. gegen den Status des Rentners etwas einzuwenden hätte, sondern weil dann der monatliche Salär kaum ausreichen würde, auch nur die anfallende Miete der Journalistenwohnung zu zahlen.

 Zum Glück gibt es einen Kompromiss: 25 Wochenstunden auf dem Amt und die Hälfte der Rente, die so genannte Teilerwerbsrente. Doch um die zu erlangen, gehört viel Geduld und eine unüberschaubare Anzahl von Formularen, die manchmal zwei und drei Mal angefordert werden. Journalist F. hat mit Hilfe einer netten Kollegin von der Rentenstelle des Rathauses einen solchen Antrag gestellt, viele Seiten von Zeugnissen und ähnlichen Dingen kopiert und das Ganze dann am 6. März losgeschickt. Offensichtlich werden solche Anträge jedoch nicht auf dem normalen Postweg versendet, sondern per Laufbursche. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die Papiere von der Krankenkasse in der Landeshauptstadt S. bis zur Rentenbehörde in der Bundeshauptstadt B. nachweislich vier Wochen unterwegs waren? Und dann von der dortigen Posteingangsstelle bis zum Sachbearbeiter nochmals zwei Wochen gebraucht haben, innerhalb eines einzigen Gebäudes? Wie auch immer, die Bewilligung der Rente wird wohl noch auf sich warten lassen. Denn neben den Ärzten muss auch der Arbeitgeber viele Seiten Formulare ausfüllen. Und auch das kann dauern. Doch erst nach Bewilligung der Teilrente kann Kulturorganisator F. wieder seine Teilzeittätigkeit aufnehmen. Zu mehr als fünf Stunden am Tag ist er auch kaum fähig, wie er beschämt eingestehen muss und wie er es mehrfach anlässlich illegaler Tätigkeiten für das Amt erfahren musste.

Die Kollegen interessiert das wenig, glauben sie doch wohl eher, der fleißige Zeitungsschreiber ruhe sich drei Mal die Woche im Bett liegend an der Dialyse aus. „Jetzt kann er endlich offiziell während der Arbeitszeit schlafen und bekommt auch noch Rente dafür!“ hört Patient F. sie leise flüstern. „Ein Sozialskandal!“. Recht haben sie, denn nur ein voll leistungsfähiger Mensch hat die Berechtigung zur Existenz. Und nur dann, wenn er stets und pausenlos fehlerlos funktioniert. Die geneigten Leserinnen und Leser des Journalistenblogs werden erkennen, in welchem Dilemma der sonst so fleißige Zeitungsschreiber steckt.



Patient F. verpasst das Festival
01/05/2009, 13:32
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Verbunden mit der durchaus schwer wiegenden Erkrankung von Journalist F. ist auch ein Krankenschein. Das heißt, der fleißige Zeitungsschreiber und Kulturorganisator muss zu Hause bleiben und darf auf keinen Fall das Amt betreten. Wenngleich sich Journalist F. ein wenig dafür schämt, aber eigentlich ist dieser Zustand keinesfalls störend. Nur die armen Kollegen im Amt müssen die gesundheitlichen Unbilden ausbaden, indem sie bislang völlig ungewohnte Tätigkeiten durchführen.

So auch beim jüngst stattfindenden Jazzfestival. Zum Glück hatte Kulturorganisator F. trotz zunehmenden Unwohlseins noch viele der Vorbereitungen treffen können. Beispielsweise das umfangreiche Programmheft schreiben und bis zur Druckreife zu bringen. Doch es gab noch genug Tätigkeiten, welche die im Amt verbleibenden Kolleginnen und Kollegen in den Wahnsinn zu treiben vermochten. Viel zu spät reifte dort die Erkenntnis, dass Kollege F. doch nicht nur schlafend die Zeit in seinem Büro verbracht hat, sondern tatsächlich auch zahlreichen Tätigkeiten nachgehen musste, und denen in der Regel gleichzeitig.

Dialysestation
Die Verzweiflung ist Chef R. anzusehen

Neben dem Telefon galt es Freikarten für Sponsoren und Vips zu drucken und zuvor auch noch geschickt die begünstigten Personen auszuwählen. Der Druck selbst ist eine eher mechanische Tätigkeit, zu der man innerhalb weniger Stunden angelernt werden kann. Doch die Kolleginnen und Kollegen hielten sich von solch profanen Dingen gerne fern. Denn schließlich hat das mit Computern zu tun und die funktionieren mit gefährlichem Strom. Also: Finger weg! war die Devise. Lasst doch Kulturorganisator F. die Abendstunden im Büro verbringen, das stört doch niemanden. Denn was man nicht sieht, das muss einem auch nicht beschäftigen.

Zudem war Kulturorganisator F. eigentlich schon seit längerer Zeit durch seine Krankheit gezeichnet, was er aber, wie gewohnt, nicht wahr haben wollte. „Menschen mit Ihren Blutwerten sind normalerweise seit mindestens sechs Monaten krank geschrieben! Wie halten Sie das überhaupt durch?“ fragte Ärztin M. in der nephrologischen Ambulanz der Universitätsklinken. Eine Frau, die, ganz nebenbei bemerkt, zu den kompetentesten Medizinern gehört, denen Patient F. im Laufe der Jahre begegnet ist. Die Zeit der ersten Visitationen im Tempel der Gesundheit fiel just auf die Tage vor dem geplanten Besuch der Kulturbörse in F., zu der Kulturorganisator F. nebst Kollegin R. alljährlich reist, um Kleinkünstler für den berühmten Wettbewerb im Städtchen S. einzufangen, damit sie am Ende vielleicht eines der begehrten Kochgeschirre gewinnen können. „Wenn Sie diese Reise unternehmen, fürchte ich um Ihr Leben!“ kommentierte Ärztin M. Eine Feststellung, die Journalist F. erstmals nachdenklich werden ließ. Widerstandslos ließ er sich daher krank schreiben und teilte den besorgten Kollegen mit, dass er unmöglich nach F. fahren könne. Nicht, dass man im Amt einen Ersatzmesseteilnehmer gefunden hätte, nein, man sagte die Teilnahme einfach ab.

Dialysestation
Die Kollegen machen gute Mine zum bösen Spiel

Doch das Jazzfestival war da etwas komplizierter. Zwar entstanden Pläne, die beliebte Veranstaltung ebenfalls ins Wasser fallen zu lassen, doch zum Glück kamen diese niemals zur Durchführung. So mussten Kolleginnen und Kollegen schwitzen und staunen, während Kulturorganisator F. zwar nach Kräften Unterstützung bot, doch letztendlich nicht alle Tätigkeiten übernehmen konnte.

Besonders prekär dabei die Tatsache, dass das diplomatische Geschick von Kulturorganisator F. plötzlich nicht mehr zur Verfügung stand. Normalerweise prallten die Wünsche von Chef R. und Festivalleiter K. nicht direkt aufeinander, sondern wurden zunächst von Kollege F. gefiltert. Der wiederum entwickelte Kompromissmöglichkeiten, so dass sich alle liebten und herzten. Ähnlich erging es mit anspruchsvollen Künstlern und deren Agenten oder mit potenziellen Besuchern der Veranstaltungstage. Jetzt aber, da sich der kranke Kulturorganisator an der Dialyse ausruhen durfte, trafen sich Welten, die unterschiedlicher kaum sein konnten.

Dialysestation
Künstler Irgendlink hat das Festival im Griff und bekommt alle hungrigen Künstler satt. Leider nicht die Techniker…

Wie auch immer, weitere Details sollen den geneigten Leserinnen und Lesern des Patientenblogs dankenswerterweise erspart bleiben. Letztendlich lief das Jazzfestival problemlos und höchst erfolgreich ab. Nicht zuletzt dank dem unermüdlichen Einsatz von Künstler Irgendlink, der traditionell die Betreuung der Künstlerinnen und Künstler übernommen hatte. Seiner unendlichen Geduld und Güte war es zu verdanken, dass schlimmere kriegerische Auseinandersetzungen verhindert werden konnten.

Wie es mit Patient F. im Amt weiter geht und wie der fleißige Zeitungsschreiber in die Mühlen der Bürokratie geriet, davon soll im nächsten Kapitel des Journalistenblogs berichtet werden.



Patient F. entdeckt Hartz-vier-TV
01/05/2009, 13:28
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Dienstags, Donnerstags und Samstags heißt es für Patient F. die Reise zur Dialyse anzutreten. Von 13.45 Uhr bis kurz nach Sechs dauert die Prozedur, die zunächst einmal gründlich vorbereitet werden muss. Doch dann hat man vier Stunden lang mehr oder weniger seine Ruhe. Abgesehen von regelmäßigen Blutdruckmessungen, dem Klingeln des Stationstelefon, laut lachenden Krankenschwestern, stöhnenden Mitpatienten und ab und ein ein herabfallendes Geschirrtablett irgendwo in den Tiefen der Station. Kurz und gut, die ideale Lösung, nämlich die Zeit einfach zu verschlafen, scheidet für Patient F. aus. Warum das die anderen Mitpatienten so gut können, wird dem geduldigen Patienten allerdings immer ein Rätsel bleiben.

 Was also tun in den langen Stunden der erzwungenen Untätigkeit? Lesen natürlich, doch das sollte man nicht allzu oft tun, da man sonst als absolute Ausnahme gilt und das Pflegepersonal beunruhigt. Abgesehen davon ist das auch anstrengend. Doch zum Glück gibt es einen Fernsehapparat, der mithilfe einer käuflich erworbenen Gebührenkarte gestartet werden kann. Auch hier ist das Glück natürlich unvollkommen, denn es sind keine der tollen Sender zu empfangen, für deren Werbefreiheit Journalist F. monatlich ein nicht gerade kleines Salär ausgibt. Vielmehr gibt es so genanntes „Free TV“ und das hat in den Nachmittagsstunden nicht gerade Premiumprogramm zu bieten. So zappte sich Patient F. in den Anfangstagen durch die öde Senderlandschaft, bis er ganz allmählich seine Lieblingssendung entdeckte: Hartz-IV-TV auf einem Sender, der ursprünglich im Nachbarländchen L. angesiedelt war und noch heute dessen Namen trägt. Von 15 Uhr an verspricht man dort, das wirkliche Leben zu präsentieren. Und das ist in der Tat prall und voller Überraschungen.

 Da der Mensch – und besonders der regelmäßige Konsument des besagten Senders – ein Gewohnheitstier ist, folgt die so genannte Doku-Soap natürlich gewissen Regeln. Regel Nummer eins: es geht um Menschen aus den neuen Bundesländern, die ihre Herkunft aufgrund sprachlicher Eigenheiten nicht verleugnen können. Regel zwei: diese Menschen müssen langzeitarbeitslos und somit Empfänger der Segnungen von Hartz-IV sein. Der Rest ergibt sich dann beinahe von selbst. Denn die so ausgewählten Fernsehopfer sind zwar weniger mit Intelligenz oder Bildung, dafür aber mit gnadenlosem Selbstbewusstsein ausgestattet, das sie mit exibitionistischer Freude einer staunenden Zuschauerschar präsentieren. Ganz gleich, ob der Ehemann hinter schwedischen Gardinen sitzt, kaum weiß, wo seine elf bislang gezeugten Kinder sich aufhalten und zudem auch noch ein Verhältnis mit der Schwester seiner Gattin hat – aus der zwei Kleinkinder erwachsen sind – stolz präsentieren sich die Protagonisten des sozialen Abstiegs vor der Kamera.

 Welch sozialen Hintergrund die Helden des Nachmittags haben, wird meist schnell offenbart, wobei sich eine gewisse Dramaturgie der Steigerung feststellen lässt. Spätestens, wenn im Plattenbau der Badewannenabfluss seit Monaten verstopft ist und man daher das Wasser nach der Benutzung mit Hilfe eines Eimerchens in die Toilette gießen muss, staunt der allzu bürgerlich erzogene Zuschauer vor dem Bildschirm. Wer würde hier nicht gerne durch den Fersneher rufen: „Lasst doch das Teil reparieren!“ Doch das ist sinnlos, da die interaktiven Möglichkeiten im TV noch sehr begrenzt sind. Die lesbische Tochter des Hauses, die zu Gewalttaten neigt und deren Sprachschatz aus nur wenigen Worten wie „Äii, isch hau dir in die Fresse!“ besteht, scheitert, wen wundert’s, am Zehnereinmaleins. Einziger Kommentar: „Aii, Scheiße, det kapier isch net! Verpiss disch, du Assitussi!“.

 Das wirklich spaßige an der neuen Lieblingssendung von Patient F. ist allerdings, die durchaus zynische Präsentation der Kommentatoren. Offen gesagt, eigentlich kann man ihnen offiziell nichts vorwerfen, denn die Bemerkungen sind stets verständnisheischend und politisch korrekt. So wird das Chaos zur Normalität gemacht und die Stars des Nachmittags zu Witzfiguren der Nation. Nur scheint es, diese bemerken das gar nicht, sondern sind stolz, dass sich endlich mal jemand für die wirklichen Probleme im Leben interessiert. Wer glaubt, Journalist F. übertreibe, der lasse sich einfach mal einen Nachmittag vom ältesten deutschen Privatsender begeistern. Doch vorsicht: Suchtfaktor ist garantiert.