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Manchmal ist es weniger die Krankheit, die einen Menschen dem Grab näher bringt, als vielmehr die Behandlung der Ärzte und Krankenschwestern. Eine uralte Erkenntnis der Menschheit, der sich leider auch Patient F. nicht entziehen kann.
Eigentlich könnte man glauben, dass alleine schon das regelmäßige Anschließen an die Blutreinigungsmaschine ausreichen würde, um einen intensiven Behandlungserfolg zu garantieren. Weit gefehlt. Vielmehr müssen Stoffe, die bei der Dialyse aus dem Körper entfernt werden, teilweise auf andere Art zugefügt werden. Zudem stellen sich mehr oder weniger zwangsläufig weitere Wehwehchen ein, die in direktem oder indirektem Zusammenhang mit der fehlenden Nierenfunktion stehen. Patient F. als Freund komplexer Rituale freut es daher um so mehr, dass er sich allmorgendlich der Prozedur der Medikamenteneinnahme hingeben darf. Manches gibt es in praktischer Tablettenform, andere Dinge müssen mittels spitzer Nadeln gewaltsam in den Körper eingeführt werden. Kurz, langweilig wird das nie.
Zumal die Ärzte recht experimentierfreudig sind, was ihren pharmazeutischen Chemiebaukasten betrifft. „Was Patient F. nicht tötet, macht ihn nur härter!“ lautet die allgemeine Devise. So beschloss man in einer geheimen Konferenz vor zwei Wochen, dem leidenden Journalisten zwei weitere Tabletten zu verabreichen, die er zusammen mit der doppelten Dosis eines anderen Wundermittels einnehmen sollte. Ziel der Aktion: die Wassereinlagerungen im Gewebe sollten verhindert werden. Bereits vor einiger Zeit war ein solcher Versuch schmählich gescheitert, da Patient F. von dem merkwürdigen Mittel rote Punkte am ganzen Körper bekam, die zudem noch unangenehmen Juckreiz hervorriefen. Jetzt ermittelte man – vermutlich mittels Tarotkarten oder einer Kristallkugel – eine neue Substanz und präsentierte die Verordnung stolz Patient F.
Der, ganz braver Patient, hielt sich natürlich daran und dachte an nichts Böses. Allerdings stellten sich plötzlich merkwürdige Symptome ein. Mehr Wasser denn je sammelte sich im Gewebe an, Muskelschwäche befiel den ansonsten immer noch recht fitten Zeitungsschreiber, die sich bis hin zu schmerzhaften Gefühlen in den Gliedmaßen entwickelten, was das Zurücklegen einer Strecke von mehr als 200 Metern Länge eigentlich unmöglich machte. Zudem kam ein Elendsgefühl, wie noch nie zuvor erlebt.
Natürlich machte sich Patient F. Sorgen und wollte die auch mit den zuständigen Ärzten teilen. Doch diese sind seit Tagen von der Bildfläche verschwunden, so dass als Ansprechpartner nur fleißige Krankenschwestern in Frage kamen. Die jedoch haben andere Aufgaben. Beispielsweise Patient F. mit großer Freude durch riesige Nadeln zu traktieren oder durch Vorträge, dass sie für dies und das schon mal gar nicht zuständig sind. Man solle mit dem Arzt reden, so der lapidare Kommentar, während man sich in die Kaffeepause verabschiedet.
Zunächst noch glaubend, dass die oben geschilderten Symptome die unvermeidliche Folge der Dialysebehandlung sind, wurde Patient F. dann doch misstrauisch. Nachdem am sonnigen Sonntag ein Zustand erreicht wurde, der so nicht hinnehmbar war – vermutlich verstärkt durch die Laientanzgruppe am Vorabend und der Jodelvortrag im Rosengarten des Städtchens Z. wenige Stunden zuvor – beschloss der aufgeklärte Zeitungsschreiber, zur Selbsthilfe zu greifen und im Internet die Nebenwirkungen des neuen Wundermittels zu investigieren.
Nun ist das Lesen der Packungsbeilagen eines Medikamentes eine Kunst für sich. Würde man alles ernst nehmen, was dort steht, müsste man selbst die einfachsten Aspirintabletten direkt dem Sondermüll statt dem gebeutelten Magen zuführen. Das Geheimnis, wie ernst man die Warnungen nehmen sollte, liegt in den Worten „sehr selten“, „selten“, „häufig“ oder sogar „sehr häufig“. Und siehe da, alle merkwürdigen Merkmale des Unwohlseins von Patient F. tauchten unter der Überschrift „sehr häufig“ auf (was übersetzt eigentlich „unvermeidbar“ heißt). Patient F. wird daher die größte Sünde überhaupt begehen und seine Medikation vorerst ohne Rücksprache mit dem Arzt ändern. Vom wahrscheinlichen Erfolg soll später berichtet werden.
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